Erfahrung mit Krankenkassen und Behörden

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Seit Beginn meiner Krebserkrankung führe ich Diskussionen mit der Krankenkasse (viele, auch gerichtlich), mit dem Bafög-Amt (langwierige, nervige und tränenreiche), sowie mit dutzenden anderen Ämtern, Behörden und Institutionen. 
Ich kann das. Ich habe von 2002-2016 als Rechtsanwaltsfachangestellte gearbeitet. Mir ist diese Sprache vertraut, ich kenne rechtliche Grundlagen. Viele kennen oder können das nicht. Und viele haben nicht die Kraft, um für ihre Rechte einzustehen – gerade wenn man das eigene Überleben auf wackeligen Beinen stehen sieht. Und recht haben und recht bekommen sind zudem auch zwei verschiedene Paar Schuhe.

Auch ich hatte und habe eigentlich keine Kraft, um Telefonate zu führen, in denen man angeschnautzt und als Bittsteller behandelt wird und sich fortwährend erklären und rechtfertigen muss.
In den meisten Fällen ist es bei mir die Wut, die einfach ausreichend groß ist und mich antreibt, für die Folgen einer Krankheit einzustehen, die ich mir ja auch nicht freiwillig ausgesucht habe

An Krebs zu erkranken bedeutet viel Behördenkram: Schwerbehindertenausweis, Genehmigung von Fahrten zur Chemotherapie, Krankenkasse, Bewilligung einer Haushaltshilfe, Bafög-Amt,… Mir ist viel Unverständnis begegnet, viele misslungende Gesprächsführung („ach so, dann müssen Sie vielleicht gar nicht sterben?“), viel Schriftverkehr, viele Nachteile und viel Ärger.
Es gab falsche Beratungen durch den Sozialdienst im Krankenhaus und unzufriedenstellende Beratung bei einer Krebsberatungsstelle. Und es gab ganz oft das Gefühl, plötzlich fehl auf dieser Welt zu sein. Den Krankenkassen und Behörden war ich plötzlich lästig und es ist weiterhin nerven- und zeitaufreibend, sich mit diesen Institutionen auseinanderzusetzen.

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Wolfgang Jorzik  äußert sich in dem sehr lesenswerten Artikel „Kampf gegen Krebs und Bürokratie“ wie folgt:

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„Vieles spricht für eine neue Verwaltungsethik, für Menschlichkeit bei bürokratischen Vorgängen im Angesicht des Todes. Denn es sind Steuergelder und Krankenkassenbeiträge, die diese Verwaltungen finanzieren.“

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„Mir ist es schleierhaft, warum bürokratische Abläufe in schwierigen Lebenslagen nicht vereinfacht werden können.“

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„Eine einfache Meldung der Diagnose und Hilfe, ohne seitenweise Formulare ausfüllen zu müssen – das allein würde Betroffene und ihre Familien ungemein entlasten und gäbe den Verwaltungen die Chance, Empathie und Kundenfreundlichkeit zu zeigen.“

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Seine Frau meint:

Ausgerechnet dann, wenn man am wenigsten Kraft hat, muss man am meisten kämpfen.

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Jeder entscheidet selbst, was für ihn das Richtige ist, dennoch möchte ich einige Empfehlungen teilen:

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  • Sucht euch Unterstützung. Es gibt Krebsberatungsstellen, die oft gut beraten können. Es gibt Sozialdienste, die hilfreiche Tipps geben können (auch wenn meine persönlichen Erfahrungen in beiden Fällen anders waren).
  • Der Krebsratgeber gibt Tipps zum Umgang mit Bürokratie und welche Unterstützung man erwarten darf.
  • Der Krebsinformationsdienst erläutert Fragen zu den Themen „Krankengeld, Wiedereinstieg in den Beruf, Schwerbehindertenausweis“
  • mamazone hat einen sehr guten Formbrief veröffentlicht betreffend die Beantragung eines Schwerbehindertensausweises – auch nach Ablauf des Zeitraums von fünf Jahren. (beim Anklicken des Links lädt das PDF)
  • In meinem Artikel beim Gewünschtesten Wunschkind „Wenn Eltern schwer erkranken“ habe ich auch bürokratische Tipps rund um das Elternthema aufgeführt.
  • prüft, ob es den Aufwand wert ist. Die jeweilige Behörde trifft eine Entscheidung zu euren Ungunsten und ist dabei im Unrecht? Wenn es für euch wichtig ist, bleibt dran. Wenn es nur einen verschmerzbaren Nachteil für euch nach sich zieht, kann es vielleicht sinnvoll sein, die eigenen Nerven zu schonen und wertvolle Zeit anders zu investieren.

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Einen kleinen Einblick über meine persönlichen Erfahrungen sollen die nachfolgenden Texte bieten, die ich im Laufe des letzten Jahres schrieb.
Einige dieser Texte möchte ich nun in diesen Blog stellen und dabei betonen, dass es sich nur um die Spitze des Eisberges handelt. Es ist noch viel mehr gewesen: Mehr Stress, mehr Tränen, mehr Unverständnis und mehr Verzweifelung.

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Juni 2019 – nicht abgeschickter Brief an das Bafög-Amt

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Liebe Dame vom Bafög-Amt,

vielen Dank, dass Sie mir fünf Wochen nach meinem Schreiben mitteilen, dass Sie es nicht bearbeiten können, weil darunter meine persönliche Unterschrift fehlt (es ist eine E-Mail, by the way).

Natürlich werde ich Ihrem UNVERZÜGLICHEM Wunsch nachkommen, und NOCHMALS bei diversen Ärzten vorstellig werden, die mir sicher gerne abermals bescheinigen, dass ich während meiner Chemo WIRKLICH gesundheitliche Einschränkungen hatte.

Selbstverständlich werde ich meine Ärzte auch, wie von Ihnen gefordert, darum bitten, aufzuschlüsseln, an welchen Tagen (Anzahl!) mich welche Einschränkungen genau (Angabe des Schweregrades!) davon abhielten, die durchschnittliche Studienleistung zu erbringen.
Genau, die Zahl 80 auf meinem Schwerbehindertenausweis müssen Sie nicht beachten, die dient vermutlich nur der optischen Auflockerung des Ausweises oder jemand wollte sich kalligrafisch austoben.
Die zahlreichen Krankenhausberichte können Sie ja einfach als Briefbeschwerer nehmen, wenn Sie sie nicht lesen möchten.

Selbstredend hätte ich zwischen dem Entfernen von Körperteilen und der täglichen Dosis radioaktiver Strahlung etwas mehr Elan für die wirklich wichtigen Dinge im Leben zeigen können. Entschuldigen Sie, dass mein Gehirn nebst trägem Körper durch das drohende Lebensende unzureichende Zeit in der Bibliothek verbracht hat.

Sollte ich jemals wieder eine Chemo machen (es waren übrigens 16!), werde ich Ihnen natürlich eine Postkarte zukommen lassen, wie ich Cocktails schlürfend auf meinem Balkon liege und mir heimlich ins Fäustchen lache.

Gerne werde ich auch die kommenden Tage dafür opfern, um Ihnen alle weiteren aufgelisteten Wünsche zu erfüllen und im Keller nach uralten Unterlagen zu wühlen – it’s a pleasure for me to make you happy. .

Wenn Sie mal wieder das Bedürfnis verspüren, privaten Frust oder beruflichen Übereifer an dieser Stelle zu kompensieren, zögern Sie nicht, mich mit weiteren Auflagen zu amüsieren.

Vor Ihrem wohlwollenden Urteil auf Knien rutschend,
die Studentin mit den eigentlich auch anders lautenden Plänen

PS:
Dieses Schreiben wurde maschinell erstellt und ist auch ohne Unterschrift gültig.

(Anmerkung: Die Auseinandersetzung mit dem Bafög-Amt betreffend dieses Thema dauerte fast ein halbes Jahr und ein paar dutzend E-Mails. In dieser Zeit musste ich mich umfangreich rechtfertigen, warum ich während meiner Chemo nicht in der Lage war, das geforderte Studentenpensumzu erfüllen. Ich reichte Krankenhausberichte ein, Arztatteste, Fotos von mir nach der OP, die mich ohne Haare und mit gerade entfernten Brüsten zeigten – das reichte dem Bafög-Amt nicht: Es müssen noch mehr Belege sein. Und detaillierter. Und überhaupt, warum würde ich mich denn eigentlich so aufregen?)

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Januar 2020 – Krankenkasse lehnt Mutter-Kind-Kur ab

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Es gibt Mutter-Kind-Kuren und ich würde gerne eine machen. Im Jahr 2018 habe ich eine onkologische Reha-Maßnahme gemacht. Diese okologische Reha-Maßnahme ist in § 41 SGB V geregelt und ist etwas anderes als eine sogenannte Präventionsmaßnahme (Mutter-Kind-Kur) nach § 25 SBG V.

Diese Idee gefällt meiner Krankenkasse nicht. Natürlich nicht.
Zuerst versuchten sie sich mit der 4-Jahres-Regel herauszureden und meinten, diesen Zeitraum müsse ich abwarten. Entkräftet durch mein Argument, dass noch nie eine Mutter-Kind-Kur in Anspruch genommen wurde, beauftragte die Krankenkasse dann einen Gutachter. Der sprach sich zu meinen Gunsten aus. Also beauftragen sie einen zweiten Gutachter. Ach so, natürlich musste ich vorher noch mal mehrere Formulare vom Kinderarzt und Hausarzt ausfüllen lassen. Und noch ein anderes Attest, diesmal bitte ausführlicher. 
Kostet übrigens jedes Mal Geld (was niemand erstattet), Zeit und Nerven. by the way.

Und dann die Ablehnung:
„Eine mütterspezifische Belastung ist nicht gegeben.“

Begründung:
„Die Antragsstellerin kann ein Ehrenamt durchführen (ich fotografiere ehrenamtlich an Krebs Erkrankte). Außerdem erhält sie Hilfe im Haushalt (öh, ja?) und kann ihren Hobbies weiter nachgehen (Krankenkassengutachter sind offenbar Stalker, denn ein persönliches Gespräch fand nie statt und aus den Unterlagen ergibt sich das nicht.)
Es ist mir tatsächlich neu, dass das Aufgeben von Hobbies und Haushalt Voraussetzung für eine Mutter-Kind-Kur wäre.

Als Diagnosen stehen in dem Gutachten:
„Mammakarzinom, Lymphödem, Fatigue-Syndrom, Konzentrationsstörungen, Angststörung.“
Weiter steht dort, dass eine Problemkonstellation vom Gutachter nicht gesehen wird und „dass Mutterschaft alleine kein Grund für eine Mutter-Kind-Maßnahme darstellt.“ Es könnten ja schließlich nicht alle Mütter einfach so eine Mutter-Kind-Kur machen.
„Für die Antragsstellerin steht Erholung und Entspannung im Vordergrund“, befindet der Gutachter, dem seitens der Krankenkasse gar nicht alle Dokumente zur Verfügung gestellt wurden.

„Die Kinder sind zudem gesund“, orakelt der Gutachter entgegen der Informationen des Kinderarztes, der sehr wohl eine kindliche Belastung durch die weiterhin lebensbedrohliche Erkrankung der Mutter (also mir) attestiert hat.




30.01.2020 – Auszüge der Kommunikation mit der Krankenkasse seit Beginn der Krebserkrankung

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(in eigenen Worten wiedergegeben)

2018:
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Ich:
„Hallo Krankenkasse, ich habe Brustkrebs und möchte gerne beide Brüste entfernen lassen, weil es für die zweite Brust in meinem Fall ein deutlich erhöhtes Risiko gibt, ebenfalls zu erkranken.“
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Krankenkasse:
„Nö, genehmigen wir nicht.“
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Ich:
„Ok, dann lege ich eben Widerspruch ein.“
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Krankenkasse:
„Abgelehnt!“
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Ich:
„Dann klage ich vor dem Sozialgericht. Ihr müsst doch auch das Wirtschaftlichkeitsprinzip im Auge behalten: Eine Brustentfernung ist zehnfach günstiger, als wenn ihr die nächsten Jahre ständig MRTs und Mammographien der Brust zahlen müsstet.“
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Krankenkasse:
„Nö, wir sind jetzt bockig!“
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Sozialgericht:
„Ihre OP ist in wenigen Wochen? Also bei uns dauert das hier Monate, vielleicht Jahre. Lebensbedrohliche Erkrankung? Ne, Eilbedürftigkeit sehen wir hier nicht.“
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Krankenkasse:
„Hihi“
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24 Stunden vor OP, ich:
„Hallo Krankenkasse, ich finde, dass das Thema mal öffentlich diskutiert werden sollte. Ich glaube, das mache ich jetzt.“
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Krankenkasse, eine Stunde später:
„Allerliebste Frau F., klar schicken wir Ihnen die Bewilligung für die OP sofort per Fax raus.“
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September 2019:
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Ich:
„Ich würde gerne eine Mutter Kind Kur machen. Ich habe eine weiterhin potentiell lebensbedrohliche Erkrankung, das Fatique-Syndrom und ein Lymphödem.“
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Krankenkasse:
„Abgelehnt!“
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Ich:
„Hier habt ihr meinen Widerspruch.“
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Krankenkasse:
„Wir beauftragen jetzt erstmal einen Gutachter. Oh, der erkennt eine mütterliche Belastung. Mist, dann behaupten wir einfach, dass das rechtlich nicht geht!
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Ich:
„Ok, dann weise ich euch jetzt anhand Paragraphen nach, dass das sehr wohl geht.“
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Krankenkasse:
„Dann beauftragen wir eben einen zweiten Gutachter!“
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Gutachter no 2:
„Also ich kann hier echt keine mütterliche Belastungssituation erkennen.“
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Krankenkasse:
„Siehste! Es gibt keine Belastung und Muttersein alleine rechtfertigt noch keinen Anspruch! Ätschbätsch.“
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Ich:
„Öh, ihr habt dem zweiten Gutachter ja gar nicht alle Krankenberichte vorgelegt. Das hättet ihr doch tun müssen.“
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Krankenkasse:
„Genau genommen gibt es keine Frist innerhalb der wir jetzt irgendwas tun müssten. Wir stellen uns jetzt einfach mal tot. Have fun.“
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(stay tuned)
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(aktueller Stand: vor über einem Monat habe ich das Gutachten bei der Krankenkasse dahingehend bemängelt, dass dem Gutachter nicht alle Dokumente von mir vorgelegt wurden. Außerdem fragte ich nach, warum nach dem ersten Gutachten, was sich positiv für mich aussprach, überhaupt ein zweites Gutachten in Auftrag gegeben wurde. Auf eine Antwort warte ich vermutlich noch lange und die Krankenkasse befindet sich hier insoweit im Recht, dass es im Widerspruchsverfahren keine Fristen gibt, innerhalb der sie reagieren müssten. Sie können die Sache also „aussitzen“. Den Antrag auf Mutter-Kind- Kur habe ich vor fast einem halben Jahr gestellt und hätte sie gerne dieses Frühjahr gemacht, was nun nicht funktioniert.)

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