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Mandy Falke

Weiterleben lernen

Wartezimmerhelden

Ich werde heute in drei Wartezimmern sitzen. Mittlerweile habe ich ein Auge für die Feinheiten: manchmal erwartet einen Wasser mit frischen Zitronen- oder Gurkenscheiben, manchmal …

Ich werde heute in drei Wartezimmern sitzen. Mittlerweile habe ich ein Auge für die Feinheiten: manchmal erwartet einen Wasser mit frischen Zitronen- oder Gurkenscheiben, manchmal nicht mal ein nettes Wort zur Begrüßung.

In manchen Wartezimmern ist die Stimmung besonderer als in anderen. Was vielleicht daran liegen mag, dass die Leute kränker sind. In der Strahlenklinik zum Beispiel. Hier wird über den Tod und vor allem über das Leben philosophiert. Und wie dicht beides nebeneinander liegt.

Oft sind es nur ein paar Worte eines Arztes oder ein Blutergebnis. Und dann sehe ich einen Patienten mit Tränen im Gesicht und hängenden Schultern aus dem Arztzimmer schleichen. Gerne würde ich sagen „ist ja nicht so schlimm“, oder „das Leben geht weiter“. Aber in manchen Fällen wäre beides gelogen.

In Wartezimmern wird um Termine gefeilscht und es werden Formulare ausgefüllt und unterschrieben. Das kann mein Gehirn mittlerweile so routiniert, dass es mich dafür gar nicht mehr benötigt.

Man sieht die Arzthelferinnen nach Hause gehen und hat das Gefühl, sie atmen vor der Tür einmal laut aus, um den Tag und die Eindrücke hinter sich zu lassen und sich dem eigenen Leben widmen zu können.

Manche Patienten sitzen besonders lange im Wartezimmer, weil der Arzt mit ihnen zuletzt sprechen möchte. Das verheißt meist nichts Gutes und das wissen die meisten Patienten. Sie sitzen dann da, starren die Wand an und fragen sich, wie das eigentlich alles passieren konnte. Und ob man die Situation ändern könnte, wenn man einfach aufsteht und die Arztpraxis verlässt. Man kann es nicht.

Und so sitzen wir alle in Wartezimmern und warten. Darauf, dass Ärzte, denen wir manchmal so halb, manchmal aber auch ganz vertrauen, das tun, was am Ende hoffentlich unser Leben retten wird.

Der Alltag muss hinten anstehen, wir fahren Bus und Bahn, suchen Parkplätze, führen Diskussionen mit der Krankenkasse, warten auf Blutergebnisse, lassen Infusionen in unsere Körper laufen und uns Blut aus längst vernarbten Venen abnehmen. Weil wir so sehr leben wollen. Wir Wartezimmerhelden.