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Mandy Falke

Weiterleben lernen

Angst frisst Gegenwart?

Letztes Jahr, ungefähr zu dieser Zeit, las ich während der Chemo ein Buch über einen Krebserkrankten. Er durchlief die üblichen Akutbehandlungen, besuchte eine Reha und kehrte an …

Letztes Jahr, ungefähr zu dieser Zeit, las ich während der Chemo ein Buch über einen Krebserkrankten. Er durchlief die üblichen Akutbehandlungen, besuchte eine Reha und kehrte an seinen Arbeitsplatz zurück. Er beschrieb Phasen psychischer und körperlicher Stabilität. Es ging ihm gut. Dann kamen die Metastasen und er wurde aus seiner mühsam zurück eroberten Normalität wieder herausgerissen. Das Buch schrieb seine Frau für ihn zu Ende. Der Mann starb vorher.

Während ich heute Mittag bei Sonnenschein aus dem Hörsaal hüpfte (also so innerlich und mit den Gedanken an die bevorstehenden Ostertage) hielt ich einen Moment inne und dachte mir „Scheiße, ich will diese Normalität um alles in der Welt behalten!“ und erinnerte mich an die Schicksale derer, die nach überstandener Akutbehandlung wieder Vertrauen ins Leben fassten und bitter enttäuscht wurden.

Aber wäre es nicht absurd, sich aus Angst vor dem, was eventuell kommen könnte, die Gegenwart beschränken zu lassen?

Damals, ich war schwanger mit meiner Tochter, fragte ich eine Freundin, wie sie mit der Angst vor einer möglichen Fehlgeburt umgehen würde. Was wäre, wenn der tragische Fall tatsächlich eintreten würde und man sich dann umsonst gefreut hätte?

„Wie könnte man sich denn jemals umsonst freuen?“, antwortete mir die Freundin, „die Freude bereichert doch immer den jeweiligen Moment“.

Ich dachte damals lange über ihre Sätze nach und habe mich heute wieder an sie erinnert. Das, was ich heute an Glück empfinde, kann mir doch durch eine wie auch immer sich gestaltende Zukunft nicht genommen werden?