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Mandy Falke

Weiterleben lernen

Ich. habe. Angst. Die Schallplatte hat längst einen Sprung. (*Triggergefahr*)

„Wie war das Laufen, Schatz?“ „Gut“, sage ich, weil ich schon so oft alles andere gesagt habe und mir selbst gerade so verdammt überdrüssig bin. Ich will die Worte nicht mehr …

„Du stirbst! Du stirbst nicht! Du stirbst!“ Das Kind in meinem Traum sieht aus wie eine Mischung zwischen Alice im Wunderland und dem Brunnenmädchen aus dem Film „the ring“. Es rupft ein Blütenblatt nach dem anderen von einer weißen Blume ab. Seine Stimme ist anfangs noch monoton, wird aber zunehmend schriller. Lauter. Eindringlicher. Es speit die Worte aus und ich kann sie trotz Händen auf den Ohren in jeder Nervenbahn meines Körpers spüren.

Ich wache schwitzend aus dem Albtraum auf. Moment, ich kann doch gar nicht mehr schwitzen. Zumindest benötige ich seit der Chemo kein Deo mehr, weil gewisse Abläufe im Körper offenbar irreversibel geschädigt wurden. Ich schwitze also nicht. Und, halt, vielleicht träume ich auch nicht.

Wenn ich die friedlichen Vögel draußen kurz vor der Morgendämmerung hören und durch das geöffnete Fenster den Frühling riechen kann, wie kann das Chaos in meinem Kopf dann so hässlich sein?

Leise schleiche ich mich aus dem Schlafzimmer und schlüpfe in meine Laufschuhe. Ich fange an zu rennen, als wäre es tatsächlich möglich meine Gedanken abzuhängen. Mein Kopf pocht die ganze Zeit und mit jedem Schritt mehr.

Wieder zuhause angekommen ist mir schwindelig. Ich trinke einen Schluck und weiß, dass es immer zu wenig ist. Seit der Bestrahlung der Lymphabflussbahnen im Hals tut dieser ständig weh und fühlt sich an, als wäre er plötzlich zu eng. Also trinke ich nicht, sondern lutsche stattdessen einen Pfefferminzbonbon. Der erste aus einer Packung, die heute Abend leer sein wird. Resigniert von so ziemlich allem, öffne ich die Schlafzimmertür.

„Wie war das Laufen, Schatz?“ „Gut“, sage ich, weil ich schon so oft alles andere gesagt habe und mir selbst gerade so verdammt überdrüssig bin. Ich will die Worte nicht mehr sagen, nicht mehr denken, nicht mehr spüren. Ich. habe. Angst. Die Schallplatte hat längst einen Sprung.

Der Tag ist noch jung und schon so verbraucht, denke ich. Ich lege mich zwischen den Jüngsten und meinen Mann. Warme Haut an meiner und dann kann ich zum ersten Mal heute wieder richtig atmen.

Foto: ja, das ist ein brennendes Gänseblümchen.