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Mandy Falke

Weiterleben lernen

Bei der Psychoonkologin

Diese Situation, nicht zu wissen, ob das Damoklesschwert auf einen herabstürzen wird, finde ich unzumutbar, erzähle ich ihr und schaffe es dabei wie ein trotziges, kleines Kind zu …

Ich sitze auf einem schwarzen Ledersessel und erzähle meiner Psychoonkologin von den Frauen, die ich im Laufe meiner Krebserkrankung kennengelernt habe und die mittlerweile nicht mehr leben. Es sind einige. Viel zu viele. Schreckliche Schicksale, die jeweils wunderbare Frauen getroffen haben. Und ich führe ihr meine Angst aus, in einem oder zwei Jahren auch zu ihnen zu zählen. HER2positver Brustkrebs metastasiert besonders häufig in den ersten beiden Jahren.

Diese Situation, nicht zu wissen, ob das Damoklesschwert auf einen herabstürzen wird, finde ich unzumutbar, erzähle ich ihr und schaffe es dabei wie ein trotziges, kleines Kind zu gucken, dem man ohne nachvollziehbaren Grund den Lolli verweigert hat.

„Ja, es ist unzumutbar,“ stimmt sie mir ernst zu.

Ich warte auf ihr „aber,…“ oder andere ergänzende Zusätze, um die Situation irgendwie zu beschwichtigen. Aber es kommt nichts dergleichen und wir schweigen beide. In der Stille hallen meine Flüche über die Welt im Allgemeinen und den Krebs im Speziellen nach.

Und während ich Tränen der Wut, Trauer und Ungerechtigkeit gar nicht erst versuche herunterzuschlucken, fühlt es sich doch zugleich befreiend an, all das fühlen zu dürfen, was man eben fühlt. Und während ich genau das denke, schleicht sich eine gewisse Akzeptanz für diesen unangenehmen, aber eben vorhandenen Emotionszustand ein.

Nachdem ich überzeugend erläutert hatte, dass es Momente gibt, in denen ich den ganzen Scheiß und die Ungewissheit, ob ich meine Kinder aufwachsen sehen darf, schlichtweg nicht mehr ertragen kann, merke ich, dass ich es eben doch kann. Und dass zwischen der ganzen Angst und Verzweiflung auch der Mut und der Wille steckt, dieses Leben zu lieben. Zur Not genauso, wie es eben ist. Und dass ich all das, was ich dafür brauche, auf meinem Weg doch bereits gelernt habe.

Das, was ich im Leben immer suchte, ist doch bereits da. Um mich herum und in mir. Es liegt an mir, es zu erkennen. Und auch wenn ich Momente habe, wo ich es zwischen den ganzen Trümmern einfach nicht sehen kann, so ist es doch auch dann immer da.