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Mandy Falke

Weiterleben lernen

Meine Angst tanzt

Die Angst trägt heute eine Maske mit verwirrenden Mustern und grellen Farben. Diese lässt jeden ihrer Gesichtszüge noch erschreckender aussehen und man könnte meinen, dass sie …

Die Angst trägt heute eine Maske mit verwirrenden Mustern und grellen Farben. Diese lässt jeden ihrer Gesichtszüge noch erschreckender aussehen und man könnte meinen, dass sie genau diesen Eindruck vermitteln möchte.

Ihr Kleid besteht aus Fetzen voller zerplatzter Träume, schlafloser Nächte und möglicher Horrorszenarien, vor deren Fantasie jeder Hollywoodregisseur neidvoll mit ausladender Geste seinen Hut ziehen würde.

Wenn sie bei zugezogenen Vorhängen wild und ohne jegliche Choreografie tanzt, hört man das Klackern ihrer Schuhe noch zwei Etagen darunter und möchte empört mit den Fäusten gegen die Wände trommeln.

Sie singt jedes Lied mit, laut und ohne auch nur einen einzigen Ton richtig zu treffen, aber sie nimmt dabei weder auf sich selbst noch auf andere Rücksicht.

Und als der letzte Ton der Schallplatte verklingt und sich die Nadel des Plattenspielers wieder anhebt, taucht das Zimmer in eine Stille, die viel lauter und gewaltiger als das zuvor gespielte Musikstück erscheint.

Nun ist es möglich, einen kurzen Blick auf ihr Gesicht und ihre weit aufgerissenen Augen zu erhaschen, die über sich selbst erschrocken zu sein scheinen.

Kurz darauf sackt sie für gewöhnlich übermüdet in sich zusammen. Fast schutzbedürftig rollt sie ihren Körper in einer kahlen Ecke des Raumes auf dem Holzfußboden ein und zum ersten Mal könnte man meinen, etwas Zerbrechliches an ihr zu erkennen.

Nach einem kurzen Moment des Wartens kann man sich vorsichtig auf Zehenspitzen an sie heranschleichen, um über ihren nun nicht mehr vor Anstrengung bebenden Körper eine Decke zu legen, die während des Schlafes vor der omnipräsenten Kälte schützen soll.

Man kann es nun wagen, die Vorhänge heimlich wieder zu öffnen, da die durch das Fenster hereinfallenden Sonnenstrahlen ihrem tiefen Schlaf nun nichts mehr anhaben können.

Manchmal gebe ich ihr behutsam einen Kuss auf die Stirn und während ich ihre verschränkten Arme öffne, um das Zepter wieder an mich zu nehmen, schnauft sie nur einmal kurz und dreht sich im Schlaf um.