Krebserkrankung = Kampf?

Was meinen Leute eigentlich, wenn sie sagen, man müsse gegen eine Krebserkrankung kämpfen? Einen Kampf stelle ich mir so vor: zwei Parteien stehen sich im Ring gegenüber. Auf Augenhöhe. Es gibt Regeln. An die muss man sich halten. Durch eigenes Bemühen hat man die Möglichkeit den Kampf zu gewinnen.
Und ich erkenne beim besten Willen nicht die Parallelen zu einer Krebserkrankung. Russisch Roulette fühlt sich für mich stimmiger an. Und während im Kopf eifrig Wahrscheinlichkeiten durchgerechnet werden und Hoffnung und Verzweiflung miteinander Ping Pong spielen, besteht natürlich auch die Möglichkeit, von hinten ein Messer in den Rücken zu bekommen.
Wie oft lag ich nach den Chemos im Bett, bekam Kampfparolen zugeworfen und fragte mich, wie genau ich in der Vorstellung Anderer denn meinen Kampf aktiv gestalten solle. Ich ging doch zu meinen Untersuchungen, bekam Infusionen, litt und versuchte währenddessen zu leben. Und ich habe hinter keiner Ecke jemals ein Monster entdeckt, was darauf gewartet hätte, von mir zu Boden geschlagen zu werden.
Die Krebserkrankung hat bei mir furchtbare Gefühle der Ohnmacht ausgelöst und wenn mir jemand sagte, ich müsse kämpfen, dann fühlte es sich so an, als wäre das, was ich bereits tat, nicht genug.
Und wenn selbst zu Erkrankten im Sterbeprozess noch derartige Sätze gesagt werden, finde ich es irritierend. Verständlich, wenn man hierin den Wunsch Angehöriger nach Genesung hineininterpretiert, aber für den Betroffenen doch niederschmetternd, weil er diesen ausgesprochenen Erwartungen nicht gerecht werden kann.
Und „den Kampf verloren“ hat ein Verstorbener meiner Ansicht nach auch nicht, weil in dieser Formulierung für mich der schale Beigeschmack persönlichen Versagens steckt.
Jeder Mensch ist anders und auch unter Betroffenen werden solche Äußerungen oft als hilfreich für die Psychohygiene empfunden. Und das ist gut. Einige Erkrankte können aus derartigen Sätzen Motivation schöpfen. Ich nicht. Es war für mich aber immer in Ordnung, wenn Leute besagte Kampfausdrücke verwendet haben, da mit solchen Sätzen natürlich auch Beistand ausgedrückt wird. Und der ist auf jeden Fall hilfreich, egal in welche Worte er verpackt ist.