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Mandy Falke

Weiterleben lernen

Raubt Glück oder Angst den Atem?

Manchmal meine ich, ich müsste wahnsinnig werden. Ich glaube mein Mann würde an dieser Stelle sagen, „Welch ein Glück, dass du das vorher schon warst.“

Ich habe mir vorhin eine Theaterkarte für Samstag abgeholt. Es handelt sich um ein interaktives Theaterstück, welches durch Gedankenexperimente die üblichen Vorstellungswelten infrage stellen soll. Vom Eingang des Theatergebäudes aus habe ich einen Blick auf den blumenbewachsenen Vorplatz. Rechts ist der Theaterpark, durch den ich gleich gehen werde und in dem Leute ihre Füße in den Fluss halten oder die Mittagspause picknickend auf dem Rasen verbringen.

Wenn ich sage, dass es hier nach Sommer riecht, meine ich nicht nur den Geruch von Blumen oder frisch gemähtem Gras. Vielmehr ist es die Luft, deren Temperatur beim Einatmen so warm ist und einen Vorgeschmack auf einen so Sommer bietet, der barfußlaufen durch Pfützen und Weißweinschorle bei Sonnenuntergang verspricht.

Ich habe mir diesen Sommer vollgestopft mit schönen Terminen, Klausuren, Seminaren, Ausflügen, Festivals, Konzerten, zelten und Übernachtungen auf dem Balkon, um mit den Kindern gemeinsam Figuren in den Sternenbildern zu entdecken.

„Die ungünstigen Prognosefaktoren bei Frau F. weisen auf eine schnelle Proliferation hin“, heißt es in meinem Arztbericht. Wohlwollend betrachtet bedeutet dies übersetzt nur: Sicher ist, dass nichts sicher ist.

Muss ich dieses Leben denn jetzt nicht schneller leben als vorher? Intensiver? Mehr Aktivitäten, Liebe, Spaß und Herzblut in die Zeitspanne quetschen, die vielleicht kürzer ist, als ich mir das wünschen würde?

Und warum fühlt es sich dann gleichzeitig wie eine Schlinge um meinen Hals an, die jemand immer fester zuzieht? Die Sanduhr, die ich meinen Kindern manchmal zum Zähneputzen hinstelle: Los, mach schneller, gleich ist die Zeit um.

Und dann kommen diese Momente, in denen ich nicht mehr atmen kann. Und ich nicht weiß, ob mir das Glück, all dies sehen und erleben zu dürfen den Atem raubt, oder die Angst, das alles loslassen zu müssen.

Manchmal meine ich, ich müsste wahnsinnig werden. Ich glaube mein Mann würde an dieser Stelle sagen, „Welch ein Glück, dass du das vorher schon warst.“