Ich habe hier schon länger nichts mehr geschrieben. Das liegt zum einen daran, dass ich mich, was das Schreiben angeht, beruflich absolut austoben kann. Noch viel mehr aber daran, dass mein Ursprungsthema auf diesem Account – Krankheitsverarbeitung und Vernetzung mit anderen Erkrankten – leiser geworden ist. Und auch daran, dass ich über große Teile meines Lebens gar nicht mehr öffentlich schreiben mag. Keine Anekdoten von den Kindern, weil sie mittlerweile 8, 11 und 13 Jahre alt sind und ich mich nicht mehr in der Rolle der jungen Mutter sehe, in der ich es damals okay fand, Lebensausschnitte zu teilen, in denen auch die Kinder vorkamen.
So weit, so ausholend.
Eben stand ich mit einem Nachbarn zusammen. Ich holte Brennholz, weil es hier drinnen einfach IMMER NOCH total kalt ist. Wir redeten über graue Haare und übers Älterwerden allgemein. Er zeigte auf seinen VW-Bus neben sich und sagte: „Ich gehe auf die 70 zu, und kürzlich hab ich gedacht: Ja, den Keilriemen wechsle ich jetzt noch, aber das ist dann vermutlich auch das letzte Mal gewesen. Das fühlt sich schon komisch an.“ Also das Älterwerden. Dieses Älterwerden, bei dem das Ende langsam nicht mehr nur eine abstrakte Idee ist, sondern irgendwas, das mit im Raum steht.
Ich kenne das vielleicht ähnlich, sagte ich ihm. Ich bin jetzt 40. Die ein oder anderen Züge sind abgefahren, für manches ist die Zeit zu spät. Und ich meine das keineswegs limitierend. Du willst dich mit 50 beruflich oder persönlich noch mal neu orientieren? Go for it! Aber auch mein Onkologe, übrigens deutlich älter als ich, sagte einmal beim Blick auf die Auswertung meiner Szintigraphie: „Ach das, das sind einfach nur die üblichen Abnutzungserscheinungen der Knochen, das hat man in Ihrem Alter.“
Was mir geblieben ist seit meiner Krebserkrankung, und worüber ich heute gern mal wieder schreiben möchte, ist meine Auseinandersetzung mit dem Tod. Und damit meine ich vor allem die Frage, also die Frage aller Fragen für mich, ob der Tod wirklich das letzte Kapitel unserer Existenz ist.
Und ich muss sagen: Was diese Frage angeht, habe ich einen ziemlichen Ritt hinter mir. Ich bin nicht gläubig sozialisiert worden, und ein Glaube war mir lange nie zu eigen. Mit 32 stand ich dann, um diesen immensen Leidensdruck zu lindern, vor der Frage: Wo bitte kriege ich jetzt auf die Schnelle einen Glauben her? Nun, schnell war es nicht, aber ich fand ihn. Und so stand ich mit Mitte 30 da und konnte sagen: Ich glaube, dass alles in diesem Leben einen tieferen Sinn hat, auch wenn ich ihn nicht sehen kann. Und woaaaahh, war das befreiend!
Dann folgten die Herausforderungen der Jahre. Herausforderungen, bei denen ich mich fragte: Universum – hääää? Das klingt so aufgeschrieben vielleicht witzig oder platt. War es aber nicht. Die Krebserkrankung war mittlerweile in den Hintergrund gerückt (welch ein Geschenk!) und langsam konnte ich mich wieder einer Glaubensfrage nähern, die nicht von dem inneren Drängen beeinflusst war, unbedingt eine bestimmte Antwort finden zu wollen.
Mein Lieblingsautor ist der amerikanische Schriftsteller Irvin Yalom. Er schrieb hervorragende Psychotherapieliteratur auf psychologisch fundiertem Unterhaltungsniveau. Er vertritt die These, dass unser Leben keinen Sinn per se hat, sondern dass wir frei sind, dem Leben den Sinn zu geben, den zu geben uns möglich ist. Und er glaubt auch (darüber hat er ein ganzes Buch geschrieben), dass der Tod das Ende unserer physischen und geistigen Existenz ist. Wie kann jemand, den ich so sehr schätze, nur so eine brutale These vertreten, fragte ich mich jahrelang.
Ich habe sein Buch natürlich gelesen (also eigentlich alle von ihm). Yalom zitiert darin Alexis Sorbas: „Lass dem Tod nichts als eine ausgebrannte Kerze.“ Ich mag dieses Zitat.
Wisst ihr, das Leben entscheidet sich fundamental daran, wie man glaubt, dass die Realität beschaffen ist. Ich kenne verschiedene Perspektiven darauf, denn ich habe nicht geglaubt, dann habe ich geglaubt, und jetzt kann ich mit voller Inbrunst sagen: Ich weiß es doch auch nicht.
Und das fühlt sich eigentlich nach einem ziemlich ehrlichen Weg an. Diese Frage nicht gewaltsam zu schließen, sondern (vorerst) offen lassen zu können.
