Krebs-Bullshit – Wie Betroffene mit Aussagen Anderer umgehen können

Betroffene sind häufig mit Aussagen Außenstehender konfrontiert. Der folgende Text soll das Verständnis auf beiden Seiten sensibilisieren und Lösungsmöglichkeiten aufzeigen.

So gibt es beispielsweise auf die Aussage „Du siehst ja gar nicht so krank aus“ ein breites Spektrum von Antwortmöglichkeiten:

Eine liebe Bekannte, die zum ersten Mal vor dem Betroffenen steht und vor lauter Hilflosigkeit nur die oben genannten Worte stottern kann, würde vermutlich eine andere Antwort bekommen, als die Erzfeindin damals in der Schule, die diese Worte im Vorbeigehen in einem abfälligen Ton äußert.

So ist die Spannbreite denkbarer Antwortmöglichkeiten riesig und reicht von „Dir sieht man deinen Charakter ja auch nicht an“, über „Tut mir leid, aber bei dieser Aussage fühlt es sich so an, als würdest du die Ernsthaftigkeit meiner Erkrankung negieren wollen“ bis hin zu „Ich bin selbst manchmal erstaunt, dass eine so schwere Krankheit nicht immer offensichtlich ist“.

Hierbei spielt z. B.

  • der Kontext,
  • die jeweilige Stimmung
  • die Beziehung zum Gegenüber (jemand Fremdes an der Supermarktkasse, der Partner, die Arbeitskollegin,…),
  • die Motivation hinter dieser Aussage
  • die eigene Persönlichkeit und der eigene Umgang mit der Erkrankung sowie
  • die jeweilige Tagesform

eine wichtige Rolle.

Es ist daher nicht möglich, Antwortmöglichkeiten vorzugeben, die für jede Person und in jeder Situation passend erscheinen würden.
Jemand, dessen Charaktereigenschaft beispielsweise eine gewisse Ernsthaftigkeit ist, tut sich vermutlich keinen Gefallen damit, wenn er auswendig gelernte Sätze widergibt, die möglichst lustig sein sollen, aber gar nicht zu seiner Person passen.

Zudem spielt es eine Rolle, was der Betroffene mit seiner Reaktion auf eine Aussage erreichen möchte:
Bedeutet ihm die gegenüberstehende Person etwas und besteht Interesse daran, einander weiterhin wertschätzend zu begegnen und auf Augenhöhe miteinander zu kommunizieren?
Soll der Austausch nur oberflächlich erfolgen, weil der Kontakt zu der alten Kindergartenfreundin sowieso nie besonders intensiv war?
Wurde von einer bisher unbekannten Person ein schnippischer Kommentar geäußert, der als persönlicher Angriff empfunden wurde und auf den man gerne möglichst schlagfertig kontern möchte?

Generell sei noch erwähnt, dass niemand dazu verpflichtet ist, auf unpassend erscheinende Aussagen überhaupt zu reagieren. Auch ein Ignorieren einer Aussage könnte daher in das Antwortspektrum mit aufgenommen werden.

Verständnis für den Aussagenden:

Außenstehende sind im Umgang mit einem Erkrankten oft überfordert. Eine Konfrontation mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung führt bei vielen Außenstehenden auch zu Hilflosigkeit. Einige Aussagen, die unbeholfen oder unpassend erscheinen, werden vermutlich geäußert, weil die Person nicht die passenden Worte für diese schwierige Situation findet.

Auch können Aussagen aus Unwissenheit getätigt werden. Wenn zum Beispiel jemand den Vorschlag macht, einen Geistheiler aufzusuchen, um innere Blockaden zu lösen und die Krebserkrankung so zu heilen, so könnte man hier sowohl Unkenntnis über die Entstehung, als auch den Ablauf und die Behandlungsmethoden einer Krebserkrankung annehmen.

Hinter unpassend erscheinenden Kommentaren kann auch die eigene Angst Außenstehender stecken. Wenn zum Beispiel jemand sagt „Ach, Krebs ist doch heute gut heilbar“, dann kann sich hier zum einen Unwissen, zum anderen aber auch die Angst selbst zu erkranken oder die Sorge um den Betroffenen widerspiegeln.

Verständnis für den Betroffenen:

Der Betroffene befindet sich in einer Extremsituation und reagiert daher möglicherweise besonders sensibel und empfindlich auf Aussagen Außenstehender. Einer schweren Krankheit gegenüberzustehen, erfordert es, sich selbst, eigene Wertvorstellungen und Normen zu hinterfragen und auszutesten, welcher Umgang mit der Erkrankung sich für einen selbst am passendsten anfühlt.

Dadurch, dass Betroffene, die sich sowieso schon in einer Berg- und Talfahrt der Gefühle befinden, oft mit immer wiederkehrenden Aussagen konfrontiert werden, sinkt irgendwann das Verständnis und die Geduld für meist gut gemeinte, aber eben nicht immer passende Worte.

Die Häufigkeit der immer wiederkehrenden Aussagen führt möglicherweise dazu, dass die Person sich nicht jedes Mal wieder rechtfertigen oder erklären möchte und aus diesem Grunde irgendwann nicht mehr mit der Ernsthaftigkeit oder Empathie auf solche Aussagen reagiert, wie sie es sonst üblicherweise täte.

Beispiel:

Ein Chemopatient in einer schlechten Phase hat sich unter Aufbringung enormer Kräfte dazu gebracht, den Müll runterzubringen. Im Treppenhaus begegnet ihm die Nachbarin mit den Worten „Ach, so schlimm siehst du ja gar nicht aus“.

In diesem Fall kann es nebensächlich werden, ob die Nachbarin ihre Worte nett gemeint oder aus Unbeholfenheit geäußert hat. Wenn der Betroffene in diesem Fall die Nachbarin ankeift oder in Tränen ausbricht, dann ist das sehr verständlich, wenn man sich seine Gesamtsituation vor Augen führt.

Die Nachbarin wäre von solchen Reaktionen eventuell vor den Kopf gestoßen, was in dem Gesamtbild, welches sie hat, vielleicht auch Sinn ergeben mag: Sie hat den Betroffenen neulich vom Arzt kommen sehen. Er konnte kaum laufen und hat geweint. Sie setzt diese Szene in einen Vergleich mit dem Bild, was sich ihr heute im Treppenhaus geboten hat: Der Betroffene trug heute einen Müllsack im Arm und man sah ihm die Anstrengung, die ihm das abverlangt hat, nicht an. Die Nachbarin freute sich möglicherweise, dass der Betroffene nicht mehr so schlecht wie vor zwei Tagen aussieht und ihre Aussage sollte als Kompliment gemeint sein, was sie in ungelenken Worten formuliert hat.

Der Betroffene KANN Verständnis dafür haben, aus welchen Gründen ein Anderer diese und jene Aussage getätigt hat, er MUSS es jedoch nicht.
Es ist das Recht eines Jeden, zu interpretieren und zu reagieren, wie es einem passend erscheint. Und es ist das Recht eines Anderen, dann die Konsequenzen daraus zu ziehen, die sich für die jeweilige Beziehung daraus ergeben.

Nachfolgend sind einige Aussagen aufgeführt, die Betroffene häufig zu hören bekommen. Zudem sind Antwortmöglichkeiten aufgeführt.

„Ach, Krebs ist doch heute gut heilbar.“

Aussagen, die andere tätigen, beinhalten oft auch Selbstaussagen. In diesem Fall wird offenbar davon ausgegangen, dass Krebs grundsätzlich heilbar wäre. Leider stimmt diese Generalisierung so nicht.

Antwortmöglichkeiten wären zum Beispiel:

sachlich: Krebs ist dank des wissenschaftlichen Fortschritts immer besser behandelbar. Niemand kann jedoch vorhersagen, ob er vom Krebs geheilt werden wird.

Interesse an einer Diskussion: Worauf stützt du deine Meinung?

empathisch: Möchtest du damit ausdrücken, dass du dir wünschst, dass ich meine Erkrankung überlebe?

konternd: Ja, und Marsmännchen leben übrigens auch unter uns.

abweisend: Ich teile deine Meinung nicht.

„Krebs ist eine Sache der inneren Einstellung.“

sachlich: Es gibt zahlreiche wissenschaftlich fundierte Forschungen, die diese Aussage nicht bestätigen konnten und sie entbehrt jeder Grundlage.

Interesse an einer Diskussion: Wie bist du zu dieser Meinung gelangt?

empathisch : Hast du möglicherweise Angst selbst zu erkranken und meinst deine eigene innere Einstellung bietet dir einen Schutz davor?

konternd: Was meinst du denn, was ich in meinem vorherigen Leben verbrochen habe?

abweisend: Bitte behalte solch falsche Aussagen in Zukunft für dich.

„Ich könnte das ja nicht.“

sachlich: Ich kann es auch nicht. Aber ich habe keine Wahl.

Interesse an einer Diskussion: Was würdest du denn an meiner Stelle tun?

empathisch Ja, es ist auch für mich schwer.

konternd: Und was meinst du, wie genau soll mir diese Aussage jetzt weiterhelfen?

abweisend: Willkommen im Club.  

„Du machst wirklich eine Chemo? Das ist doch Gift pur.“

sachlich: Schulmedizinisch Behandelte haben signifikant höhere Überlebenschancen als alternativ Behandelte.

Interesse an einer Diskussion: Wie bist du zu dieser Meinung gelangt?

empathisch: Ja, eine Chemo tötet schnell wachsende Zellen. Das Gute ist, dass auch Krebszellen schnell wachsen und durch dieses Gift angegriffen werden.

konternd: Und der Tumor möchte mich umbringen. Auch nicht gerade nett von ihm.

abweisend: Aufgrund dieser Aussage sehe ich keine Grundlage für ein weiteres Gespräch über dieses Thema.

„Du musst positiv denken. Immer!“

sachlich: Ich versuche, die Dinge so zu betrachten, wie es mir in meiner jeweiligen Verfassung möglich ist.  

Interesse an einer Diskussion: Wie würdest du das denn anstellen?

empathisch: Es gelingt mir nicht immer, alles nur positiv zu betrachten und dazu zwingen kann und möchte ich mich nicht, da ich allen Gefühlen ihre Berechtigung einräumen möchte.  

konternd: Würde es DIR besser gehen, wenn ich immer nur Positives aus meinem Leben erzählen würde?  

abweisend: Müssen muss ich gar nichts.  

„Hast du schon mal Curcuma, Methadon oder Cannabis ausprobiert?“

sachlich: Ich halte mich lieber an die Empfehlungen der Fachleute und an die wissenschaftliche Studienlage.

Interesse an einer Diskussion: Wie hast du den Wahrheitsgehalt und die Seriosität deiner Information geprüft, bevor du diese Empfehlung ausgesprochen hast?

empathisch: Die Versuchung, neben der Schulmedizin durch eigenes Eingreifen den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen zu können, ist verlockend. Bei vielen Sachen aus dem Bereich der Alternativ- oder Komplementärmedizin ist der Nutzen jedoch wissenschaftlich widerlegt bzw. nicht bestätigt. Zudem sind Wechselwirkungen oft nicht hinreichend erforscht; diese könnten zudem dazu führen, dass die Wirkung meiner Medikamente abgeschwächt wird.

konternd: Nein, ich habe bisher auch noch nicht bei Vollmond nackig Goethe zitiert.  

abweisend: Ich halte nichts von Empfehlungen, die unqualifizierte Leute in Youtubevideos oder auf unseriösen Internetseiten präsentieren.

Und noch ein persönliches Schmankerl, welches eine Arbeitskollegin kurz nach der Diagnose mir gegenüber äußerte, als ich ein Krebs-Bullshit-Bingo in einem sozialen Netzwerk teilte:

„Aber ehrlich, was erwartest du denn von den Menschen? Wenn dir die Reaktionen nicht passen, warum redest du überhaupt darüber?“

sachlich: Ich erwarte eigentlich nur, dass mir weiterhin wertschätzend begegnet wird.

Interesse an einer Diskussion: Was meinst du denn, warum es mir ein Bedürfnis ist, über meine Erkrankung zu kommunizieren?

empathisch: Was genau findest du denn schwierig im Umgang mit mir und welche Lösungsmöglichkeiten stellst du dir vor?

konternd: Meistens hilft es schon, wenn die Menschen sich nicht wie Arschlöcher verhalten.

oder

Stimmt, ich sollte mich lieber zuhause vergraben. Vielleicht kann mir jemand noch den Mund zukleben?

abweisend: Es ist nicht meine Aufgabe, anderen zu sagen, wie sie sich verhalten sollen.

Können Außenstehende also gar nichts richtig machen?

Oh doch. In diesem Informationsblatt für Außenstehende sind einige Möglichkeiten aufgeführt, die Impulse für den Umgang mit Erkrankten geben sollen.

Es geht auch nicht darum, möglichst korrekte Worte zu finden und alle Aussagen vorher und hinterher auf eine Goldwaage zu legen. Vielmehr sollen die Schwierigkeiten im Bereich der Kommunikation von beiden Seiten beleuchtet werden und dargestellt werden, dass es für keinen Beteiligten eine einfache Situation ist.

Auch sollte es nicht als Aufgabe des Außenstehenden betrachtet werden, Sätze stets so zu formulieren, dass sie den Betroffenen in jeweils für diesen geeigneter Form Mut machen oder aufmuntern müssten.

Oft soll auch einfach Mitgefühl ausgedrückt werden. Betroffenen könnte es helfen, diese Möglichkeit im Hinterkopf zu haben. Nur selten stecken boshafte Anspielungen oder Gehässigkeiten hinter den Aussagen, wobei es natürlich auch solche Fälle gibt.  

Es kann auch hilfreich sein, sich in den anderen hineinzuversetzen und sich zu fragen:

Was steckt eigentlich hinter dieser Aussage?

Was ist die Selbstaussage hinter diesen Worten?

Aus welchen Gefühlen heraus wurde wohl diese Aussage getätigt?

Wie möchte ich zukünftig das Verhältnis zu dem Aussagenden gestalten?

Es könnte sich lohnen, sich mit den Prinzipien der Gewaltfreien Kommunikation vertraut zu machen.

Diese Möglichkeit der Kommunikation kann es einem erleichtern, das eigene Empfinden und die eigenen Bedürfnisse besser auszudrücken. Folgendes Beispiel soll das verdeutlichen:

„So krank siehst du doch gar nicht aus“.

1. Beobachtung (Person X findet nicht, dass ich krank aussehe)

2. Gefühle (ich fühle mich in der Ernsthaftigkeit meiner Erkrankung nicht wahrgenommen und nur oberflächlich anhand eines kleinen Teilstücks beurteilt).

3. Bedürfnisse (Ich möchte in meiner Ganzheit wahrgenommen und gesehen werden).

4. Bitte/Wunsch (Ich möchte dich bitten, dich über meine Erkrankung zu informieren, damit du das Gesamtbild betrachten und nicht nur die Momentaufnahme beurteilen kannst).

Ich persönlich habe unbedarfte Aussagen Anderer übrigens immer noch als besser empfunden, als gar keine Reaktion zu erhalten.

Krebs-Bullshit-Bingo

Nachfolgend findet sich noch ein Krebs-Bullshit-Bingo, welches nicht das Ziel hat, sich über Aussagen Anderer lustig zu machen, sondern vielmehr aufzeigen soll, dass sich Aussagen oft wiederholen und Betroffene häufig starke Nerven aufbringen müssen, um sich mit immer gleichen Aussagen auseinanderzusetzen.

Krebsbullshitbingo Bullshitbingo Krebs