Der Meditationslehrer

Er ist älter, als ich es erwartet hätte. Eigentlich wundert es mich auch nicht, denn er hatte mir bereits geschrieben, dass seine Ausbildung zum Meditationslehrer mittlerweile 50 Jahre her ist. Als er mir die Tür seiner Wohnung im Dachgeschoss öffnet, entschuldigt er sich prophylaktisch für das Chaos in seiner Wohnung. Auf dem Boden sind Holzdielen verlegt und in die verstaubten Bücher und Statuen in den Regalen fallen Sonnenstrahlen, die einen märchenhaften Charakter verleihen.

In der Küche stehen Apothekerschränke. Alte Porzellankrüge, antiquierte Teedosen und Küchenutensilien versetzen mich zurück in Zeiten, in denen meine Oma noch lebte und gesund war. Ich fühle mich gleich wohl.

Wir sitzen uns gegenüber.

„Möchtest du Fragen stellen oder soll ich einfach mal erzählen?“ Und dann erzählt er erstmal einfach. Davon, wie er überhaupt zur Meditation gelangt ist und wir sein Körper und Geist davon profitieren konnten.

„Meinst du, dein Leben wäre anders gelaufen ohne Meditation?“, frage ich nun doch nach.

„Auf jeden Fall!“, bringt er energisch hervor, „ich bin mir so sicher, wie man es nur sein kann, dass ich ohne Meditation heute nicht mehr leben würde.“ Er erzählt mir weiter von seiner Suizidgefährdung, die ihn begleitet hat, bis er schließlich der Meditation begegnete.

Ob er Angst vor dem Tod hat, möchte ich gerne wissen. Ich habe gelesen und gehört, dass diese Angst durch Meditation abnehmen soll, schiebe ich hinterher.

Er lächelt liebevoll.

„Du hast Angst vor dem Tod? Das musst du nicht. Der Tod ist ein veränderter Bewusstseinszustand. Wir kehren zurück zu unserer Essenz. Und das heißt nicht, dass du etwas aufgeben musst. Du wirst nicht weniger Mandy sein, sondern mehr. In deinem reinen Urzustand. Guck, heute hast du diesen rosa Pullover an und diese schwarze Hose. Das bist du. Aber wenn du diese Hose und den Pullover ausziehst, bist du immer noch du selbst. Du gehst nicht verloren und dessen kannst du dir ganz sicher sein. Der Tod ist nichts Schlechtes oder Unnatürliches. Alle Menschen, die vor uns da waren, sind gestorben. Ausnahmslos. Und auch wir, die wir alle jetzt auf dieser Welt leben, werden sterben. Und das ist ok.“

„Das Meditationsthema ist schwierig für mich. Es fühlt sich immer an wie ein Kampf mit meinem Verstand und hinterher bin ich nur frustriert.“

„Und dabei ist Meditation so einfach. Weil du nicht kämpfen musst. Du musst einfach nur loslassen und das machst du, indem du aufhörst, irgendwas zu machen.“

Ich schaue aus dem Fenster an welchem eine grüne Pflanze drumherum schlängelt. „Es fühlt sich aber nicht so an, als wäre es einfach.“

Praxis, man braucht Praxis, führt er aus. Und dann könne jeder von dieser Technik profitieren.

Transzendentale Meditation nennt sich seine verwendete Methode.

Wir reden über die Erleuchtung bzw. darüber, was mit diesem Begriff gemeinhin gemeint ist und was viele Menschen in Jahrtausenden alten Schriften darüber berichten. Und über seine eigenen Erfahrungen mit dem Thema.

„Es geschah von einer Sekunde zur anderen. Ich war wie in Gold getaucht. Es war ein Zustand reinen Seins und reiner Liebe. Es ist mir unmöglich, es in Worten wiederzugeben.“

Wir unterhalten uns über Religion und damit verbundene Dogmen.

„Jesus sagte einst, „Ich und der Herr sind Eins“ und oft wird das in der heutigen Lehre übersehen. Es wird unterteilt in Gut und Schlecht und in Gott und nicht Gott. Aus meinem Gefühl von Einheit heraus kann ich dir sagen, dass es keine Trennung gibt. Kein Stein, kein Mensch, kein Gott und keine Pflanze ist mehr oder weniger wert. Wir fühlen uns getrennt, aber in Wahrheit sind wir es nicht .Stell dir vor, du wärst eine Welle und du würdest dich dann für diese Welle halten. Du würdest vor der Welle hinter dir davon laufen, weil sie dir Angst macht. Und dort, die übernächste Welle, die gefällt dir so gut, dass du dich anstrengst, um sie zu erreichen. Aber du bist gar nicht diese Welle. Du bist das Meer. Und Raum und Zeit mögen zwar hier existieren, aber das ist eigentlich nur eine Illusion, mit der wir hier auf dieser Welt zwangsläufig leben.“

„Danke, dass du dir so viel Zeit für mich genommen hast“, sage ich zum Abschied.

Eine halbe Stunde später erhalte ich eine Nachricht. Ich habe meine Mütze auf dem Sessel liegen gelassen. „Nimm sie einfach beim nächsten Besuch wieder mit“, schreibt er mir.