Bei der Psychoonkologin

Ich sitze auf einem schwarzen Ledersessel und erzähle
meiner Psychoonkologin von den Frauen, die ich im Laufe
meiner Krebserkrankung kennengelernt habe und die
mittlerweile nicht mehr leben. Es sind einige. Viel zu viele.
Schreckliche Schicksale, die jeweils wunderbare Frauen
getroffen haben.
Und ich führe ihr meine Angst aus, in
einem oder zwei Jahren auch zu ihnen zu zählen.
HER2positver Brustkrebs metastasiert besonders häufig
in den ersten beiden Jahren.

Diese Situation, nicht zu wissen, ob das Damoklesschwert
auf einen herabstürzen wird, finde ich unzumutbar, erzähle
ich ihr und schaffe es dabei wie ein trotziges, kleines
Kind zu gucken, dem man ohne nachvollziehbaren
Grund den Lolli verweigert hat.

„Ja, es ist unzumutbar,“ stimmt sie mir ernst zu.

Ich warte auf ihr „aber,…“ oder andere ergänzende Zusätze,
um die Situation irgendwie zu beschwichtigen. Aber
es kommt nichts dergleichen und wir schweigen beide.
In der Stille hallen meine Flüche über die Welt im Allgemeinen
und den Krebs im Speziellen nach.

Und während ich Tränen der Wut, Trauer und Ungerechtigkeit
gar nicht erst versuche herunterzuschlucken, fühlt
es sich doch zugleich befreiend an, all das fühlen zu dürfen,
was man eben fühlt. Und während ich genau das denke,
schleicht sich eine gewisse Akzeptanz für diesen unangenehmen,
aber eben vorhandenen Emotionszustand ein.

Nachdem ich überzeugend erläutert hatte, dass es Momente
gibt, in denen ich den ganzen Scheiß und die Ungewissheit,
ob ich meine Kinder aufwachsen sehen darf,
schlichtweg nicht mehr ertragen kann, merke ich, dass ich
es eben doch kann.
Und dass zwischen der ganzen Angst und Verzweiflung
auch der Mut und der Wille steckt, dieses Leben zu lieben.
Zur Not genauso, wie es eben ist. Und dass ich all das, was
ich dafür brauche, auf meinem Weg doch bereits gelernt
habe.

Das, was ich im Leben immer suchte, ist doch bereits da.
Um mich herum und in mir. Es liegt an mir, es zu erkennen.
Und auch wenn ich Momente habe, wo ich es zwischen
den ganzen Trümmern einfach nicht sehen kann,
so ist es doch auch dann immer da.