Über die Angst zu sterben (*Triggergefahr*)

Sie möchte mich abends nicht aus ihrem Zimmer lassen. „Du sollst für immer bei mir bleiben“, fleht meine Tochter, wenn ich ihr abends noch einen Kuss gebe und in mein Bett gehen möchte.
„Auch wenn ich jetzt in ein anderes Zimmer gehe, bin ich trotzdem immer bei dir“, erkläre ich ihr.
Ich sage ihr, dass es unmöglich ist, dass ich sie jemals verlasse, wir im Herzen sowieso verbunden sind und sie sich, immer wenn sie Angst bekommen sollte, sich meine Hand auf ihrem Rücken vorstellen soll, die sie stützen kann.
Wir verabreden, dass wir uns heute Nacht in einem gemeinsamen Traum treffen wollen. Geklappt hat es noch nie, aber wir sind immer Feuer und Flamme für diese Idee.
Ich verlasse schließlich ihr Zimmer und schaffe es, erst im Flur zu erstarren.

Natürlich galten unsere Worte einer Situation, die sich im Kleinen gezeigt hat, der Bezug aufs Große Ganze sich aber ohne Weiteres ableiten lässt.
Mit vielem habe ich gelernt, einen Umgang zu finden. Mit der Vorstellung, eventuell meine Kinder viel zu früh verlassen zu müssen, nicht. Es löst bei mir ein Gefühl so übermächtiger Ohnmacht und Verzweiflung aus und manchmal würde ich meinen Kopf am liebsten gegen Wände schlagen, weil ich das Gefühl habe, es nicht weiter aushalten zu können.

Die Ungewissheit ist mein ständiger Begleiter. Ich weiß nicht, ob ich Metastasen bekommen und daran sterben werde. Ich weiß es einfach nicht und werde es auch die nächsten Jahre nicht wissen.

Das Tragische ist, dass die Angst sich nicht richtig abnutzt. Sie kriecht manchmal heimlich durch die Türschwellen oder bricht wie ein Unwetter über mich herein. Wenn Freunde von mir an dieser Krankheit sterben, ist es am schlimmsten. Es zerfetzt mich.

Viele Leute begegnen mir sehr emphatisch und ich fühle mich oft verstanden. Aber ich glaube, dass Verständnis nur bis zu einem gewissen Punkt möglich ist. Das Leben mit einem über einem schwebenden Damoklesschwert ist eine Ausnahmesituation und wenn ein Nichtbetroffe-ner meinen würde, er könnte sich da gänzlich reinversetzen, dann kann ihm gewiss sein: er kann es nicht.