Von Fehlern, die man selber machen muss

Mein 4Jähriger hat vor wenigen Tagen Fahrrad fahren
gelernt.
Zwischen „Mama, ich werde das niemals schaffen“ und
„Mama, guck mal, wie schnell ich fahren kann!“ lagen 15
Minuten.

Ich versuchte ihm zu erklären, dass es nicht darauf ankommt,
wie schnell man fahren kann, sondern dass das
Halten des Gleichgewichts und das sichere Auf- und
Absteigen viel wesentlicher sind.
Er hörte sich alles an, was ich zu sagen hatte, nickte bedächtig
mit dem Kopf und rief dann aufgeregt „und
jetzt guck mal, wie schnell ich wirklich fahren kann!“

Als er kopfüber auf dem Rasen des Nachbargrundstücks
landete, blieb nur eine kleine Schramme zurück.

Ich kann versuchen, meinen Kindern eigene Erfahrungen
weiterzugeben. Mein Erfahrungsschatz hat natürlich
keinen Anspruch auf Übertragbarkeit oder Allgemeingültigkeit
und ich kann mich irren und falsch liegen. Es
ist für mich auch nicht immer einfach, den Kindern
zugestehen, eigene Erfahrungen zu sammeln, wenn ich
selbst doch meine, es besser zu wissen.

Manchmal verstehe ich aber, dass es einen Unterschied
zwischen vorgekautem Wissen und selbst erfahrenem
Wissen gibt. Und dass jeder eigene Erfahrungen machen
muss und darf, damit sich die eigene Weltsicht entwickeln
kann.

Schwierig wird es, wenn es darum geht, auszudifferenzieren,
in welchen Fällen ich meinen Erfahrungsschatz über
den Wunsch meiner Kinder, eigene Erfahrungen machen
zu dürfen, stellen darf und muss:
Nicht jeder Fehler muss am eigenen Leib erfahren werden
und manchmal geht es schlichtweg darum, die Kinder
vor Gefahren zu schützen, die sie entwicklungsbedingt
nicht richtig einschätzen können. Es fühlt sich oft
wie ein Drahtseilakt an, alle Bedürfnisse gegeneinander
abzuwägen.

Das, was ich meinen Kindern erzähle oder zeige, kann
sehr wertvoll sein. Aber erst durch das, was sie selbst erleben,
gelangen sie doch zu dem, was einmal ihre eigene
Wahrheit wird.

Ich hoffe, es gelingt mir, ein guter Begleiter auf ihren
Wegen zu sein. Jemand, der ein Vorbild (mit und trotz
eigener Fehler) sein kann.
Und jemand, der auch mal liebend einfach nur zusehen
kann.