Besuch im Sanitätshaus

„Wäschehaus“
Ich finde den Begriff irgendwie antiquiert, aber er passt zu dem Ambiente, welches das Geschäft ausstrahlt. Hauttöne dominieren an den Ständern mit Miederhosen und praktisch aussehenden BHs und ich reiße sicher einen deutlichen Knick in das Durchschnittsalter der Kundschaft.
„Ich hätte gerne neue Brüste“, sage ich und lege mein Prothesenrezept auf den Tisch.

Es wäre witzig, wenn der kleinen betagten Dame mit der faltigen Haut neben mir nun der Schalk in den Nacken fahren würde und sie belustigt „Ja, die hätte ich auch gerne!“ rufen würde. Stattdessen schaut sie betreten zu Boden, als hätte ich irgendeine ungeschriebene Benimmregel verletzt. Die Verkäuferin bemüht sich, mich etwas zu separieren und fragt in leisem Ton nach, ob ich denn schon mal hier war.

„Ja, letztes Jahr. Während der Chemo hatte ich ziemlich viel Gewicht verloren. Das habe ich jetzt wieder drauf und nun hätte ich gerne Brüste, die proportional mehr mit der Größe meines Hintern harmonieren.“ Ich lache. Die Verkäuferin nicht.

Es gibt Silikoneinlagen aus Voll-Silikon, Teil-Silikon oder besonders leichtem Silikon. Es werden verschiedene Muster vor mir auf dem Tisch ausgebreitet.
Es gibt auch verschiedene Formen. Will ich Birnen- oder Äpfelbrüste?

Ich erzähle davon, wie meine Brüste zuhause immer überall herumliegen und ich sie jeden Morgen suchen muss. Ich lache wieder alleine.

„Das ist schon alles eine schlimme Geschichte“, sagt sie.
„Eigentlich ist es mein Leben“, sage ich etwas aus dem Konzept gebracht. Nun lache auch ich nicht.

Die Verkäuferin könne mir nicht versprechen, ob die Krankenkasse das Rezept akzeptiert. Und eine gar nicht so geringe Zuzahlung wird auch fällig werden, erläutert sie. Immerhin habe ich mich für Prothesen entschieden, deren Gewicht nicht nach Rückenschmerzen schreit. Ich zucke lediglich mit den Schultern. Krankheitsbusiness as usual.

Mein Weg führt mich schließlich weiter zum Frisur. „Bitte nur ganz wenig abschneiden“, bitte ich und erkläre, dass meine Haare wieder lang werden sollen.
„Warum haben Sie sie denn überhaupt abschneiden lassen?“, möchte die Friseurin wissen.
Ich setze an, beiße mir auf die Lippen und sage nichts.