Interview Heidy Müller

1999 gründete Heidy Müller die Gesundheitspraxis & Palliativecare. Ihr Schwerpunkt liegt auf dem spirituellen Umgang mit dem Tod, Palliativecare, Trauer- und Sterbebegleitung, Klang- und Atemtherapie und Meditationen. Sie bietet u. a. Sterbebegleitungskurse mit dem Hintergrund des tibetischen Buddhismus an und hält sich regelmäßig in einem buddhistischen Kloster im Himalaya auf. Sie ist zudem Gründungsmitglied und Vorstand der Palliative Komplementär OW.

Im Jahr 2020 erkrankte Heidy selbst an Krebs. In diesem Youtube-Video spricht sie über den Tod als Lehrmeister.

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Liebe Heidy, du arbeitest schon lange mit Menschen zusammen, die schwere Krankheiten haben. Hat es dich überrascht, dass du im letzten Jahr selbst schwer erkrankt bist?

Ja, es hat mich schon überrascht.  Gerade ein knappes Jahr war vergangen, seit ich eine gute Freundin mit Krebs beim Sterben begleitet hatte. Obwohl ich durch meine Arbeit und auch aus meinem privaten Umfeld wusste, dass es jede und jeden treffen kann, hatte ich die seltsame Vorstellung „Krebs passiert den anderen“. Nach den ersten Anzeichen schaltete mein System zunächst eine Woche auf „ignorieren“. Auf der einen Seite wusste ich natürlich, „das ist nichts Gutes“. Auf der anderen Seite, verdrängte ich diese Erkenntnis.

Nur langsam drang der Schock in mein Bewusstsein durch. Dann ging alles sehr schnell. Ich hatte einen Termin bei meiner Gynäkologin und am selben Tag einen Termin für eine Mammografie und eine Biopsie.  Nach vier Tagen kam dann der Befund: Brustkrebs.  Ich war traurig, aber ich trug es anfänglich mit Fassung. Es folgten dann viele Untersuchungen des gesamten Körpers. Wenig hilfreich war ein Missverständnis bei der Kommunikation des Krankenhauses mit mir. Ich geriet in Panik und hatte Todesängste.  Mein Mann fing mich immer wieder auf und hielt meine vielen Tränen aus. Dafür bin ich ihm ewig dankbar.

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Was glaubst du, wie Krebserkrankungen entstehen oder aus welchem Grund deine eigene Erkrankung entstanden ist? Ist es überhaupt bedeutsam, sich auf die Suche nach einer möglichen Ursache zu begeben?

Ich wurde immer wieder gefragt: „Warum Du? Du machst doch so viel Gutes“. Als ob es einen ursächlichen Zusammenhang zwischen meinem Werdegang und der Krankheit gäbe. Meine Einstellung: „Krebs ist keine Strafe, sondern Statistik“. Jede fünfte Frau bekommt Krebs. Ich denke, die Idee von „Krankheit als Strafe“ ist in unserem Kulturraum tief verwurzelt.  Die Frage „WARUM ICH“ ist aus meiner Sicht schon völlig falsch gestellt, da sie von der falschen Annahme ausgeht, dass ein Zusammenhang zwischen meinem Tun und der Krankheit besteht. Unbestritten ist natürlich, dass ungesunde Lebensweisen auf körperlicher, seelischer und geistiger Ebene einen Einfluss auf unsere Gesundheit haben. Bei Brustkrebs ist dies allerdings nur sehr untergeordnet der Fall. Für mich gibt es keine „Strafe“ und „Schuld“ im Zusammenhang mit Erkrankungen.

Und im Grunde ist das Nachdenken über die Ursache überhaupt nicht hilfreich bei der Bewältigung des Problems. Wichtig ist es die Tatsachen zu akzeptieren und nicht nach hinten, sondern nach vorne zu schauen. Seine Energien auf die Heilung zu konzentrieren oder, im schlimmsten Fall, auf die Bewältigung der Erkenntnis, dass man sterben wird. Jetzt wo ich 6 Monate in der Chemotherapie bin, mache ich mir natürlich Gedanken, wie mein Leben nach dieser außerordentlichen Situation weitergehen soll. Ich hoffe natürlich auf Heilung, versuche es aber zu nehmen, wie es kommt. Akzeptanz anstatt ein Kampf gegen einen Gegner, der gar nicht existiert. Bald ist die Chemotherapie vorüber und dann folgt noch die OP. Danach sehe ich weiter.  

Ich bin in den letzten 22 Jahren mit Vollgas durch mein Leben gerauscht. Und in den letzten zwei Jahren gab es immer wieder Momente, wo mir meine innere Stimme sagte: „Nimm es etwas ruhiger“. Aber ich habe nicht darauf gehört. Nun gibt mir dieser abrupte Stopp die Chance, die Ausrichtung meines Lebens zu überdenken. Ich sehe in meiner Krankheit also auch eine Chance. Zum Beispiel, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Tiefe Dankbarkeit für mein Umfeld zu empfinden. Allen voran meinem Mann gegenüber, der für mich ein Fels in der Brandung ist. Weiter bin ich auch sehr dankbar, dass ich vor 35 Jahren mit Meditation begann. Dieses Instrument hat mich in den letzten Monaten immer und immer wieder in einen ausgeglichenen Gemütszustand gebracht.

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Welche Gedanken hast du bezüglich alternativer und konventioneller Behandlung von Krebserkrankungen?

Für mich gibt es keine Alternative zur Schulmedizin. Aber es gibt sehr wohl komplementäre Therapien, also die Schulmedizin ergänzende Therapien, welche ich als sehr wichtig und wertvoll erachte.  Es war für mich gar nicht einfach, mich gegen die Flut an, ganz ohne Frage gut gemeinten, „alternativmedizinischen“ Empfehlungen zu stemmen. Wenn sich jemand mit einer schweren Krankheit der Schulmedizin entzieht, ist das eine Sache. Steve Jobs, der Gründer der Firma APPLE, hat auf seinem Sterbebett bedauert auf die Schulmedizin verzichtet zu haben. Eine ganz andere Sache ist es allerdings jemand anderem von einer schulmedizinischen Behandlung abzuraten, denn damit könnte man den Tod der betroffenen Personen verursachen. Diese Verantwortung sollte man bedenken, bevor man sich zu „alternativmedizinischen“ Ratschlägen an Krebskranke hinreissen lässt.

Für mich war von Anfang an klar, ich gehe den schulmedizinischen Weg im Aussen und den spirituellen Weg im Inneren. Ergänzend ging ich in die Fußreflexzonentherapie und in die APM. Dies fühlte sich für mich von Beginn an richtig an. Interessanterweise wird dieser Weg auch durch meinen Onkologen unterstützt, einem Schulmediziner, der aber durchaus den Beitrag komplementärer Methoden an die Heilung anerkennt. Dieser Weg hat sich für mich, Stand heute, bestens bewährt. Eine grosse Stütze ist für mich die Meditation, welche ich seit 35 Jahren praktiziere. Da habe ich wirklich Glück. Denn mitten in einer aktuellen Krise noch „auf die Schnelle“ Meditationspraktiken zu erlernen, scheint mir doch sehr herausfordernd zu sein.

Ich freue mich darüber, dass auf der ganzen Welt Menschen für mich beten. Das berührt mich sehr. Da sind meine Nomadenfreunde in der Sahara, die Freunde im Himalaya, dann natürlich viele Menschen in der Schweiz und in anderen Ländern. Es sind Menschen verschiedenster Kulturen und Religionen. Ich stelle mir dann immer vor, wie diese Gebete in Form von Goldfäden über den Globus zu mir ziehen. Es ist gar nicht wichtig, ob diese Gebete von einem „höheren Wesen“, an das sie ja in der Regel gerichtet sind, erhört werden oder nicht. Wichtig ist, dass sie mich selbst berühren, meine Gedanken in eine positive Richtung lenken und damit direkt zur Bewältigung meiner Krankheit beitragen.

Große Unterstüzung kommt aus meinem Umfeld. Ich habe eine liebevolle Partnerschaft, ein schönes zu Hause, einen vollen Kühlschrank, ein warmes Bett und eine Krankenkasse, welche die Kosten übernimmt. Dies macht ganz bestimmt auch viel aus, dass ich mich voll und ganz der Bewältigung meiner Krankheit widmen kann.

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Für dich ist der Atem ein bedeutendes Werkzeug. Kannst du eine kleine, leicht auszuführende Atemübung empfehlen, die gut in den Alltag integriert werden kann?

Täglich 20 verbundene Atemzüge. 4 kurze, schnelle Atemzüge und ein langer. Und dies dann vier Mal wiederholen. Zwischen den Atemzügen keine Pause machen. Diese Übung zentriert dich in deinem Körper.  Auch wenn dies nun wirklich eine sehr kurze und einfache Übung ist, ist sie wirkungsvoll. Aber nur, wenn du sie wirklich tust. Wenn du sie heute nicht machst, wirst du sie auch morgen nicht tun.

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Für dich spielt Achtsamkeit eine bedeutende Rolle. Dafür benötigt man viel Zeit, oder?
Was kann beispielsweise eine Vollzeit arbeitende Mutter tun, die nicht die Zeit und Ruhe findet, regelmäßige Meditationen durchzuführen?

Big smile – viel Zeit? Nein! Achtsamkeit ist kein Teilzeitjob – Achtsamkeit ist eine Lebenshaltung. Präsent sein, bei dem was man tut. Zum Beispiel, wenn eine Frau ihr Baby füttert, das Handy abschaltet und mit den Gedanken ganz beim Kind ist.

Wichtig ist auch, dass wir uns des Atmens bewusst werden. Zum Beispiel kann man jedes Mal, wenn eine Whatsapp reinkommt, einen bewussten Atemzug machen. Nach und nach werden Dir auch andere Dinge in Deinem Alltag bewusst, und so wirst Du achtsamer. Im Atem liegt ein großes Geheimnis. Ich würde keinem Anfänger eine ganze Stunde Meditation empfehlen. Regelmäßigkeit ist viel wichtiger, als die Länge. Also täglich 5 Minuten sitzen und bewusst atmen. Am Anfang ist es noch etwas mühsam – aber mit der Zeit werden dir fünf Minuten Stille und bewusstes Atmen erst zur Gewohnheit, dann zum Bedürfnis.

Der Gedanke, dass wir keine Zeit hätten, ist Illusion. Ich glaube, wer die Sehnsucht nach Stille und Ruhe in sich fühlt, wird sich entsprechend einrichten können. Das ist im Alltag zu Beginn nicht einfach. Es braucht schon etwas freudvolle Disziplin 😊  Aber es lohnt sich zum Beispiel jeden Tag 15 Minuten früher aufzustehen und sich in die Stille zu setzen und sich einfach nur auf den Atem zu konzentrieren.

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Gibt es Buchtipps, die du an Krebs erkrankten Menschen ans Herz legen würdest?

Es gibt wohl keine allgemeingültigen Tipps – was für die eine stimmt, bleibt dem anderen verschlossen. Buchtipps für schwer kranke Menschen sollten individuell abgestimmt sein. Wer allgemein am spirituellen Umgang mit dem Tod interessiert ist, den könnte das Buch „Im Sterben dem Leben begegnen“ von Joan Halifax weiterbringen. Ich benutze dieses Standardwerk in meinen Ausbildungen neben dem „Tibetischen Buch vom Leben und Sterben“ von Sogyal Rinpoche.  Ich selbst habe eine Biblilothek von Büchern und guten und wertvollen Filmen zum Thema Spiritualität, Sterben, Meditation etc., die für mich stimmen. Einer meiner Lieblingsfilme ist „Oscar und die Dame in Rosa“ von Eric Emmanuel Schmitt.

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Was hilft Menschen, die unheilbar erkrankt sind, am meisten? Welchen Beitrag kann Spiritualität hier leisten?

Die beste Unterstützung kommt wohl von Menschen, die es selbst aushalten, wenn die Situation schwierig ist. Menschen, die achtsam und selbstbewusst sind, im Sinne von Selbst-Bewusst. Sehr wichtig ist der Respekt gegenüber dem kranken oder sterbenden Menschen und anzuerkennen, dass es um deren Bedürfnisse geht und nicht um die eigenen.

Mir scheint auch, dass „Biografiearbeit“ eine sehr grosse Hilfe sein kann. Hierbei diktieren die todkranken Menschen der Begleiterin ihren Lebenslauf und lassen so noch einmal ihr ganzes Leben Revue passieren.  Ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass auch Menschen, die vordergründig einen wenig „spektakulären“ Lebenslauf haben, auf viele ganz verblüffend interessante Erlebnisse zurückblicken. Denn JEDES Leben ist reich.

Besonders wichtig finde ich auch, religionsbefreite Vergebungsarbeit, welche wirklich Frieden im Herzen herstellen kann. Dazu gehört sowohl Selbstvergebung, als auch die Vergebung der Taten von anderen. Meine bevorzugte Methode ist die von Collin Tipping. Mit dieser Arbeit mache ich seit Jahren sehr gute Erfahrungen. Das Leben loszulassen fällt so viel einfacher, wenn man sich von, zum Teil jahrzehntealten, seelischen Altlasten befreit hat. Wenn man sich selbst die Dinge verzeihen kann, auf die man nicht stolz ist. Und wenn man anderen die Dinge verzeihen kann, auf die diese nicht stolz sind.

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Was glaubst du, passiert nach dem Tod? Haben wir alle unsterbliche Seelen oder ist dies vielleicht nur ein Hoffnung gebendes Wunschdenken?

Je mehr ich darüber nachdenke, umso mehr gelange ich zu der Erkenntnis, dass es im Grunde gar keine Rolle spielt, ob und wie es „weitergeht“. Wichtig ist, was man zwischen Geburt und Tod tut.  Ich glaube jedenfalls nicht an ein individuelles Weiterleben nach dem Tod als „Heidy“. Meine Seele geht einfach dahin zurück, woher sie gekommen ist. So wie ein Tropfen, welcher zurück in den Ozean geht. Wo das ist, weiss ich nicht, werde aber dieses letzte Geheimnis erfahren, wenn es soweit ist.

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Lieben Dank, Heidy, dass du diese Fragen beantwortet hast!